Die Deutsch-Tansanische Partnerschaft e.V. organisiert Freiwilligendienste aus und in Tansania und führt Projekte im Bereich Umweltschutz, Bildung und Begegnung durch. Mehr erfahren >


301 Moved Permanently

Moved Permanently

The document has moved here.


Apache Server at umeme-magazin.de Port 80

weltwärts mit der DTP. Jetzt informieren.

Bestandsaufnahme. Ich versuche durchaus, mich zu einzufügen, ich lerne fleißig Kiswahili, wohne mit einer Gastfamilie zusammen, besuche Familienfeste, esse Ugali mit den Händen, gewinne Freunde, trage bunte Stoffe, reise mit den abenteuerlichen Überlandbussen und verhandele entschlossen auf dem Markt.
Auf der anderen Seite war ich immer sehr wild darauf, mal wieder Pizza zu essen und in den Supermarkt zu gehen. Ich habe mich über Care-Pakete gefreut. Ich sehne mich schon mal danach, mit meiner Mitfreiwilligen Jana wieder „richtig“ quatschen zu können und Party machen im „Weißen“- Club ist auch sehr lustig. Ich sehne mich nach mehr Körperkontakt und danach, seltener angesprochen zu werden. Natürlich spreche ich mit meinen Mitfreiwilligen auch weiterhin Deutsch, trage meine Klamotten von Zuhause, höre deutsche Musik, lese deutsche Bücher. Ist ja alles verständlich, oder?

 

Zu Besuch bei anderen Freiwillingen
Zu Besuch bei anderen Freiwillingen

Zu Besuch bei anderen Freiwillingen
In Deutschland gibt es häufig anspruchsvolle Forderungen an die Geflüchteten: Am besten sollen sie sofort fließend Deutsch sprechen, sich für deutsches Brauchtum begeistern, die Werte und Ansichten ihres bisherigen Leben hinter sich lassen, zu viel Kontakt zu Menschen aus dem gleichen Herkunftsland meiden (Ghettoisierung!), das deutsche Verwaltungssystem durchschauen und bloß nicht hilfsbedürftig werden. Oft werden halbwissende Vorurteile (Schmarotzer, Frauenfeinde, Kriminelle) für sachgemäße Einschätzungen des Gegenübers gehalten.
Schlussfolgerung. Fundamental wäre ein größeres Verständnis dafür, dass das Leben in einem fremden Land verwirrend und Kräfte zehrend sein kann. Festhalten am Herkunftsland durch Musik, Essen, Kontakt zu Menschen aus dem gleichen Herkunftsland oder Sprache können in turbulenten Zeiten nötigen Halt geben. Gespräche, in denen nicht alle kulturellen Prämissen erst geklärt werden müssen, sind manchmal einfach einfacher. Eine Möglichkeit wäre es, neugierig zu werden und über das vermeintlich Fremde mehr erfahren zu wollen. Kultur ist grundlegend identitätsstiftend. Dies jemandem nehmen zu wollen, ist schlichtweg grausam.
Gleichzeitig ist Integration als einseitige Forderung unsinnig. Was wäre mein Aufenthalt hier gewesen ohne die vielen, fantastischen, neugierigen Menschen, die mich herzlich empfangen, mich angesprochen, mir über ihr Tansania erzählt, mir geholfen haben den richtigen Bus zu finden, meinen Geschichten gelauscht haben und mich eingeladen haben. Integration muss beidseitig geschehen. Das kann ein Handlungsaufruf an uns in Deutschland sein, den Kontakt zu suchen, um Integration erst zu ermöglichen.
Auch möchte ich in Zukunft, aus eigener Erfahrung, mehr berücksichtigen, wie unmöglich es ist, mal unterzutauchen, das auffallende Äußere abzulegen, wenn man vermeidlich „ausländisch aussieht“. Ich fand es immer sehr frustrierend, darauf ständig hingewiesen zu werden, durch Mzungu!-Rufe oder Blicke. Betonen wir in Gesprächen doch mehr und mehr das Vereinende und weisen nicht ständig auf die Fremdartigkeit hin. Ich sehe unsere einzige Chance, die nächsten Jahre zu meistern, in einem intensiven kulturellen Austausch.
Ungleiche Rahmenbedingungen. Aber der Vergleich hinkt: Mein Aufenthalt ist zu hundert Prozent frei gewählt, ich wurde nicht gezwungen, mein Heimatland zu verlassen. Mein Aufenthalt ist zeitlich begrenzt, ich weiß mit Sicherheit, dass ich in jeder Sekunde spätestens aber nach einem Jahr zurück nach Hause komme. Global gesehen und auch hier im Alltag bin ich sozial und ökonomisch privilegiert. Ich werde hauptsächlich mit positivem Rassismus und unglaublicher Zuvorkommenheit und Gastfreundschaft behandelt. Ich bin willkommen. Mein Umfeld und ich werden pädagogisch und fachlich vorbereitet und unterstützt, wenn mal etwas hakt, um einen möglichst gewinnbringenden Kulturaustausch zu garantieren. Außerdem mache ich längst nicht alles mit, was für die Mehrheitsbevölkerung normal ist: Würde ich ernsthaft krank, ginge es für mich in ein schickes Krankenhaus in Dar es Salam. Ich reise viel. Ich habe vertraglich Recht auf ein eigens Zimmer in der Gastfamilie. Integration light sozusagen.
Ganz im Gegensatz dazu: Geflüchtete, die nach Deutschland kommen, sind nicht aus Spaß an der Freude gekommen. Das Leben in ihrem Herkunftsland ist meist unerträglich und lebensgefährlich geworden. Die Reise selbst ist sehr häufig unwahrscheinlich traumatisierend. Der Zeitpunkt einer Rückkehr und der Verbleib vieler geliebter Menschen sind oft ungeklärt. Die Konfrontation mit Fremdenhass nicht unwahrscheinlich.
Moral der Geschicht. Zum einen bieten diese Erkenntnisse für mich die Chance, meinen Aufenthalt und mein Verhalten hier noch einmal in einem anderen Licht zu sehen und geben wertvolle Handlungsimpulse. Trotz meiner idealen Ausgangssituation bin ich in mancherlei Hinsicht eine lausige Immigrantin.
Auf der anderen Seite habe ich Verständnis und Demut für die Situation von Geflüchteten in Deutschland gewonnen. Vor allem, wenn ich berücksichtige, dass meine Rahmenbedingungen hier die bestmöglichen sind. Empathie ist gefragt und aktives Zugehen auf die “zu Integrierenden“.
Ich bin jedenfalls froh, nicht mit so harschen Erwartungen und so viel Misstrauen konfrontiert worden zu sein wie viele Geflüchtete in Deutschland. Dann hätte ich wahrscheinlich sofort wieder nach Hause gewollt. Der Punkt war: Obwohl ich immer ein Gast war, ging es mir am besten, wenn ich mich nicht als solcher gefühlt habe.