Die Deutsch-Tansanische Partnerschaft e.V. organisiert Freiwilligendienste aus und in Tansania und führt Projekte im Bereich Umweltschutz, Bildung und Begegnung durch. Mehr erfahren >


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weltwärts mit der DTP. Jetzt informieren.

„...würde was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein.“

Das Lied „Über den Wolken“ von Reinhard Mey kennt wahrscheinlich fast jeder in Deutschland. Ich habe dieses Lied im Rahmen des Musik-Unterrichtes in der fünften Klasse kennengelernt. Es stellt sehr gut dar, dass Probleme, die man hat, oder Schwierigkeiten, denen man begegnet, aus einer anderen Perspektive betrachtet, an Bedeutung verlieren. Ich möchte nun einmal darstellen, wie mein Jahr – denn es ist nun fast vorüber – hier in Tansania meine Sicht auf einige Dinge verändert hat.


Zunächst etwas über mich: Ich bin 20 Jahre alt, komme aus einer Kleinstadt in der schönen Lüneburger Heide und hatte bis zu diesem Jahr noch nie in einem anderen Land gelebt; dies war mein Tellerrand. In der Schule habe ich mich nicht besonders für Erdkunde und Politik interessiert, denn es gibt ja schließlich Wichtigeres im Leben, so meine Annahme. Zugegebenermaßen hatte ich ziemlich unmotivierte Politiklehrer und direkt das erste Halbjahr (Jahrgang 8) in eben diesem Fach hat mir die erste und einzige 6 in einer Arbeit während meiner gesamten Schullaufbahn beschert (diese musste ich dann mit einem Referat über Gerichtsbarkeit ausgleichen – was für ein Spaß!). Der Anfang eines selbstbestimmten, politikinteressierten und engagierten Lebens war denkbar schlecht, doch ich habe mich noch anderes entwickelt. Schon in der Schule stand fest: ich möchte Lehrerin werden, doch kann ich das? Ich absolvierte einen Bundesfreiwilligendienst an meiner Schule und befand: es macht mir Spaß und ich möchte mit Kinder arbeiten. Ich habe mich während dieses Jahres als Bufdi (ja schreckliche Bezeichnung, ich weiß) mehrfach mit meiner eigenen Sichtweise konfrontiert gesehen und habe festgestellt, dass es wichtig ist, sich für Sachen zu engagieren. Ich bin dann mehr oder weniger ziemlich unvermittelt in die DTP gerutscht und bin auch sehr froh darüber, denn dieses Jahr hat mich mit einigen Dingen konfrontiert, über die ich mir so vielleicht nicht in dem Ausmaß Gedanken gemacht hätte.
Ich möchte mich auf einen Themenbereich konzentrieren, denn Alles anzusprechen, würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen. Dieser Bereich ist der Feminismus. Ich werde mich sehr subjektiv mit diesem Thema auseinander setzen, denn für eine objektive Betrachtung fehlt mir einiges an Fachwissen.


Doch kommen wir zur Sache: Feminismus. Auch hier möchte ich erst einmal schildern, woher ich gekommen bin, um zu zeigen, warum dieses Jahr so wertvoll für mich war.
Aufgewachsen bin ich in einem sehr emanzipierten Haushalt. Ich kann mich kaum an eine Zeit erinnern, in der meine Mutter zuhause geblieben ist, um die Kinder zu betreuen, denn sie hat sehr früh angefangen wieder Vollzeit zu arbeiten. Mein Vater hat gekocht (kann er auch einfach viel besser) und die restliche Hausarbeit war ziemlich gleichmäßig verteilt. Klar habe ich bei Freunden mitbekommen, dass deren Mütter im Haushalt mehr gemacht haben als deren Väter, aber so richtig bewusst war mir die Stellung der Frau damals nicht. Ich wuchs auf und habe natürlich viel über die Emanzipation der Frau gelernt, doch gemerkt, dass ich als Frau Nachteile habe, habe ich nie. In diesem Jahr wurde es mir stärker bewusst. Hier in Tansania ist der Mann der Herr im Haus (Achtung Verallgemeinerung!) und die Frau kümmert sich vielfach im die Kinder und den Haushalt. Ich weiß nicht, ob diese Rollenverteilung schon immer bestand oder ob sie von den monotheistischen Religionen Christentum und Islam hier „eingeführt“ wurde aber es gibt sie in weiten Teilen der Gesellschaft. Doch keineswegs ist es so, dass die Frau nur zuhause rumsitzt. Viele meiner Kollegen/innen sind Frauen, man sieht Polizistinnen, Frauen die im Duka (kleiner Laden) verkaufen oder Politikerinnen, doch wie sieht es nach der Arbeit aus? Wer kocht und wer kümmert sich um die Kinder, nachdem sie aus der Schule gekommen sind? Vermutlich die Frau. Obwohl das wahrscheinlich auch nicht für jeden Haushalt gilt. Was ich sagen möchte ist, dass ich durch die recht starke und steife Rollenverteilung, wie es sie hier gibt, gelernt habe, was die Frauen sich in der „westlichen Welt“ erkämpft haben (auch wenn selbst wir noch nicht die ganze Strecke zurück gelegt haben). Ich habe herausgefunden, dass ich Feministin bin und das passt so gar nicht zu der Vorstellung von Feministen/innen, die ich hatte, bevor ich mich mit dem Thema beschäftigt hatte. Bei dem Wort Feminist/in dachte ich an Frauen, die auf Demonstrationen oben ohne rumlaufen und etwas gegen Männer haben. Die kämpften für mich für etwas, dass es doch bereits gibt! "Die Frau ist doch gleichberechtigt! Wir können doch alles machen, was Männer auch machen!"

Eine Gruppe von Frauen
Eine Gruppe von Frauen

Eine Gruppe von Frauen

Erst meine Konfrontation mit der allgemeinen Stellung der Frau hier, hat mich dazu gebracht, mich damit auseinander zu setzen, wie es in Deutschland aussieht. In unserem Heimatland verdienen Frauen 21% weniger als Männer. Das klingt schon mal richtig viel. Es wird insgesamt verglichen: da Frauen seltener in höher qualifizierten Jobs und guter Bezahlung arbeiten, sondern oft schlechter bezahlte Jobs in niedrigeren Positionen beziehen (auch hier gibt es natürlich Ausnahmen), ergibt sich die große Differenz. Der bereinigte Gender Pay Gap (Lohnlücke zwischen den Geschlechtern) liegt dann aber immer noch bei 5,5%*. Auch gibt es in Deutschland ein Defizit bei Gesetzen in Bezug auf Vergewaltigungen zum Beispiel. Es gibt also auch in Deutschland einige Dinge, die man in Angriff nehmen kann und das möchte ich tun. Ich weiß jetzt, dass ich mich als Feministin betrachten kann und dass ich Chimamanda Ngozi Adichie (eine nigerianische Autorin) voll unterstütze, wenn sie sagt: „we should all be feminists“. Ich habe über meinen Tellerrand hinaus geblickt und konnte durch dieses Jahr meine eigenen Positionen für mich klarstellen. Auch wenn nicht alles gut war: anstrengende, nervige, deprimierende Tage hat man auch in Deutschland, das gehört nun einmal dazu. Was bleibt sind die Erfahrungen die ich hier sammeln konnte und die sind sehr hilfreich.


Ich glaube, dass Tansania auf einem vergleichsweise guten Weg ist. Es gibt immer mehr Frauen, die in hochqualifizierten Jobs arbeiten und eine breitere Mittelschicht mit zwei arbeitenden Eltern fängt an sich zu bilden. Natürlich gibt es in Tansania einige Schwierigkeiten, nicht nur für die Frauen sondern für die ganze Bevölkerung Tansanias, wie beispielsweise Klimawandel, Rohstoffausbeutung, Lebensmittel- und Wasserknappheit und Armut, aber das ist eine andere Geschichte.

*Groll, T. (23. März 2016). Zeit Online. Abgerufen am 17. 06 2016 von http://www.zeit.de/karriere/2016-03/gender-pay-gap-frauen-maenner-gehalt-unterschiede-studie